In Schwedisch, wo man gerne neue Wörter durch Stapeln von einzelnen Wörtern bildet, wie beim Bau einer Mauer – gibt es einen Ausdruck, der hervorragend zum ersten Eindruck passt, den ein Fremder von der kroatischen Insel Cres gewinnt: ‚bergtagen‘. Bergtagen bedeutet so viel wie verzaubert, gebannt, aber im Nordischen Volkstum versteht man unter ‚bergtagen‘, wie übernatürliche Wesen Menschen in ihre Behausungen in den Bergen oder unter der Erde locken und dann für immer ihr Gemüt verändern.129

Wenn man sich Cres über das Meer nähert – es gibt übrigens nicht viel andere Alternativen – ist man oft geradezu ‚bergtagen‘: von der Ruhe, die da herrscht, sobald man das Festland hinter sich lässt, von der Insel überwältigendem Dinosaurierrücken, der aus dem klaren Wasser ragt, vom Lichterwechsel … betörend schön. Der Eindruck ist so stark, dass sogar ein scharfer Beobachter wie der Nobelpreiskandidat und Autor Claudio Magris, als er Cres besuchte (Microcosmos, 1997), fast die interessanten, zahllosen grauen Flecken übersah, die die Berghänge abgenutzt erscheinen lassen oder wie ausgetrocknete Bachbetten aussehen, wo sie sich talwärts ziehen.

Einmal an Land entdeckt man andere graue Formationen entlang der Abhänge, manchmal gleichmässig wie Reste von antiken Wohnstätten, die durch Ausgrabungen zum Vorschein kamen, oder dann wieder wie Tribünen eines antiken Theaters, jetzt übernommen von der Vegetation.

Für alle, die sich nicht nur der Kraft des Wassers, des Himmels und des Lichts hingeben, kommt plötzlich das grosse Erstaunen. Auf den ersten Blick fast unbemerkt, präsentiert sich das Werk, geschafft allein von Menschenhand. All diese grauen Steine wurden rein von Hand bewegt. Millionen von Steinen, ausgegraben, transportiert und aufgestapelt bis zu einer Höhe von einem Meter oder mehr, um Terrassen zu bilden, Weideplätze, Garten- und Wohnparzellen einzuzäunen oder auch Vorratshäuser oder sogar Wohnhäuser zu bauen.

Konstruktionen, entsprungen aus der Erde, errichtet von Hunderten von Inselbewohnern, hartnäckig in fast unendlichem pharaonischem Ausmass wie die Pyramiden oder die Grosse Chinesische Mauer. Da denkt man unweigerlich an Sisyphus.2014-06-29 10.38.09

An Sisyphus, den heimtückischen König von Korinth, der von den Göttern bestraft einen grossen Felsblock auf ewig den Berg hinaufwälzen musste, der knapp vor dem Ziel zu Tal rollte, immer und immer wieder.

Aber im modernen Leben möchten Werbeleute und andere gerne die Mühen und Plagen der Menschheit wegrationalisieren. In einem Touristenladen in Cres wirbt man mit dem Spruch: ‚45th parallel – the best zone for life’. Soll das ein Witz sein? Sprechen wir von der gleichen 45sten parallel, wo die Insel mit den vielen Steinen liegt, wo Sisyphuskinder stillschweigend ausserordentliche Arbeit verrichteten, um zu überleben?

Man möchte es am liebsten hinausschreien, hinaus aus der Stadt, hin zu den Hängen: ‚Aber seht ihr nicht die Steine? Seht ihr nicht die Steine?‘

Es ist höchste Zeit, dass wir die Steine sehen und verstehen, dass wir das Geduldswerk unserer Vorfahren würdigen, die Sinn und Leben schafften.

Die grazilen Olivenbäume, die kleinen grünen Oasen, wo immer noch die Schafe grasen, sind kleine Wunder, umgeben von der stillen, harten Arbeit über Generationen. Diese unverwechselbaren ‚grauen‘ Bauwerke, welche so schön in der Sonne leuchten in Symbiose mit der roten Erde, mit den grünen Kiefern und dem Blau von Himmel und Meer, sind Zeugen monumentaler, demütiger Beharrlichkeit.2015-08-03 15.08.32

‚Du bist Petrus, du bist der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen‘, so steht es im Matthäusevangelium. Die Bewohner von Cres mögen keine Kirche gebaut haben, aber eine Art von Schrein, eine Kathedrale in offener Landschaft, deren Dimensionen nur wenige realisieren können. Aber nun ist es Zeit, diese zu ehren und zu schätzen, für die kommenden Generationen. Ein Aufruf auch an Fremde, die sich zufällig auf die Insel Cres ‚verirren‘, und, verzaubert vom ersten Eindruck, diesen bemerkenswerten, versteckten Schatz zunächst gar nicht wahrnehmen.

Christian Catomeris European Correspondent SVT 2010-2014

Eine Kulturlandschaft, die es zu erhalten gilt

Besucher, die einen Spaziergang in die ländliche Umgebung ausserhalb des Städtchens Cres unternehmen, können nur so staunen über die überall verteilten riesigen Ansammlungen von Steinen, die Leitern zwischen Erde und Himmel zu bilden scheinen. ‚Fina indove che l’Ocio pol guardar xe masiere … miliardi the piere grige e bianche / su par le gobe, so par le calanche’, wie es der Schriftsteller Aldo Policek im Gedicht Masiere im heimischen Dialekt beschreibt (,So weit das Auge reicht, Steinmauern … Milliarden von grauen und weissen Steinen / hinauf zu den Bergrücken und hinunter bis zu den Meeresbuchten‘).

Die hellen Mauerwerke aus Kalkstein – natürliches, vielfarbiges Grau – welche über Jahrhunderte mit den Händen der Bauern gestaltet und errichtet wurden, fliessen stufenweise hinunter von den Hängen der die Stadt umgebenden Hügel bis sich das Grau der Steine mit dem Blautönen des Meeres vereint.

Aber es handelt sich nicht nur um eine visuelle Schönheit. Aus der kargen Karsterde, welche die Natur offeriert, mussten die geforderten Bauern mit geschickten Händen und harter Arbeit ihren Lebensraum gestalten. 2014-06-29 11.23.51

Die kultivierten Gebiete bieten soziale und ökonomische Möglichkeiten welche einzigartig für die Insel sind. Diese Verwandlungsarbeit und die Urbarmachung der Erde hat sich auch auf die Beziehung der Menschen untereinander ausgewirkt und zum Zusammenhalt in ihrem Lebensraum geführt. Die grosse Anhäufung von architektonischen Strukturen, welche den Anbau von den verschiedenartigsten Früchten begünstigt hat, und immer noch dem Anbau von Olivenbäumen dient, ist ein ‚hervorragendes Beispiel der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt‘, was eines der Kriterien der UNESCO ist für die Definition von Regionen von bestimmter kultureller und natürlicher Bedeutung. Das in diesem Teil der Kvarner Bucht von Menschen geleistete Werk entspräche sehr wohl dieser Definition und ist im Adria- und Mittelmeerraum betreffend Qualität sowie Quantität und Verbreitung als einzigartig zu betrachten.

Die ganze Insel, beherrscht durch unterschiedlichste landwirtschaftliche Formen und Strukturen – und besonders die Umgebung des Städtchens Cres – läuft Gefahr, droht in einen Zustand der Verwahrlosung und des Verfalls zu geraten. Das Kulturland – das Ergebnis jahrtausendlanger Erfahrung – hat dringenden Bedarf an Schutz und Erhaltung – will man nicht den totalen Verlust dieses einzigartigen Kulturerbes riskieren. Das Ziel unserer Präsentation ist, der einheimischen Bevölkerung sowie den Besuchern von Cres zum Bewusstsein bringen, was die Vorfahren der Creser Bewohner über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, geschafft haben – und ein Aufruf,  alles dafür zu tun, dieses Werk zu bewahren.

Das Ganze sollte man aber auch über den ästhetischen Aspekt hinaus betrachten. Betroffen sind vergangenheitsbezogene historische, ökologische, bautechnische und sozialwirtschaftliche Aspekte, die aber auch heute noch Gültigkeit haben. Durch die Wertschätzung dieser einzigartigen Umwelt können die Einwohner von Cres Gewinne anstreben, die über begrenzte materielle Vorteile hinausgehen. Sie können zusätzlich profitieren, indem sie diesen Kulturschatz als Teil eines ‚kollektiven kulturellen Andenkens‘ betrachten und damit in eine ‚Garantie für die Zukunft‘ verwandeln.